Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals

K 43 + 142 + 2601 + Sm 1433 Vorderseite (British Museum, London); Maqlû, Tafel I, neuassyrische Zeit, 7. Jh. v. Chr., Ninive, Bibliothek des Assurbanipal (Zeichnung D. Schwemer; mit freundlicher Genehmigung der Trustees of the British Museum)

Schadenzauber (schwarze Magie) gilt in allen Epochen der altorientalischen Geschichte als eine mögliche Ursache physischer und psychischer Leiden. Eine Schadenzauber-Diagnose impliziert die Annahme, daß der Patient mittels illegaler ritueller Praktiken oder manipulierter Substanzen von anderen Menschen in böser Absicht angegriffen und verunreinigt worden ist; die Behexung kann sich in unterschiedlicher Weise im Körper des Patienten oder in seinem Umfeld manifestieren.

Neben Briefen und Rechtstexten informieren vor allem zahlreiche Ritualvorschriften, Beschwörungen, Heilmittelvorschriften sowie diagnostische Texte über Anschauungen und Praxis der mesopotamischen Heilkunde und Beschwörungskunst. Unter diesen auf keilschriftlich beschriebenen Tontafeln überlieferten akkadischen (und in geringerem Umfang sumerischen) Texten befindet sich eine große Gruppe von heilkundlichen Texten, die der Diagnose, vor allem aber der Therapie von durch Schadenzauber hervorgerufenen Leiden gewidmet sind; die Texte dieses Typs stammen vor allem aus Tontafelsammlungen des 1. und 2. Jt. v. Chr auf dem Gebiet Babyloniens und Assyriens.

Das von Daniel Schwemer (Universität Würzburg) und Tzvi Abusch (Brandeis University) geleitete Projekt Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals wird eine umfassende kritische Edition (einschließlich Übersetzung und Kommentar) dieser Textgruppe erarbeiten, die für die Religions-, Medizin-, Sozial- und Geistesgeschichte des Alten Orients von zentraler Bedeutung ist. Die Texteditionen werden in Buchform und in einer web-basierten, voll lemmatisierten Version vorgelegt.

Die website des Editionsprojektes als eines project im Rahmen von Open Richly-annotated Cuneiform Corpus (Oracc, oracc.museum.upenn.edu) befindet sich in Vorbereitung.

CMAwR

CMAwR bietet eine umfassende, kritische und kommentierte Edition aller keilschriftlichen akkadischen und sumerischen magischen und medizinischen Texte (Ritualvorschriften, Beschwörungen, Heilmittelvorschriften), die Anweisungen zur Heilung von schadenzauberinduzierten Leiden und zur Abwehr des Schadenzaubers und seiner Agenten geben. CMAwR präsentiert die einschlägigen Texte in zwölf Haupttextgruppen, innerhalb derer die Editionen von Einzeltexten und die Zusammenfassung verschiedener Handschriften unter einer Editionsnummer soweit als möglich den literarischen Kontexten innerhalb der keilschriftlichen Überlieferung folgen (im Altertum wurden die einschlägigen Texte in schadenzauberspezifischen Corpora gesammelt, aber auch innerhalb anderer heilkundlicher Serien, innerhalb nicht-serialisierter Sammlungen oder als Einzeltexte überliefert):

(1) prescriptions for undoing witchcraft (ana pišerti kišpī); (2) prescriptions to be used for bewitched persons (šumma amēlu kašip); (3) prescriptions for symptoms indicating witchcraft; (4) cures for the witchcraft-induced loss of potency; (5) protecting pregnant women and infants against witchcraft; (6) instructions for the fabrication of amulet necklaces against witchcraft; (7) ušburruda texts; (8) ceremonial rituals for undoing witchcraft; (9) anti-witchcraft incantations within Bīt rimki and related texts; (10) rituals against zikurudû and other special types of witchcraft; (11) rituals in case of evil omens indicating witchcraft; (12) diagnostic texts.

Allen einzelnen Editionen stehen eine knappe Inhaltsangabe sowie Übersichten zur handschriftlichen Überlieferung, zu einzelnen Texteinheiten (in sich geschlossene Ritual- oder Heilmittelvorschriften) und zu früheren Editionen voran. Der Text selbst wird zunächst in synoptischer Umschrift aller verfügbaren Handschriften, dann in gegenüberliegenden Kolumnen in gebundener Umschrift und Übersetzung geboten. Ein Kommentar erläutert zeilenweise epigraphische und philologische Schwierigkeiten. Soweit keine (zuverlässigen) Autographien der zugrundegelegten Keilschrifttafeln und ‑fragmente vorliegen, werden Autographien erstellt und in CMAwR veröffentlicht. Die Editionen basieren grundsätzlich auf Autopsie der Originaltafel; wenn Originale verschollen oder unzugänglich sind, werden nach Möglichkeit Fotos konsultiert.

In CMAwR 1 wurden 49 Editionen auf der Basis von über 250 Einzelquellen aus den Textgruppen (1), (2), (7)–(12) vorgelegt. Der Band enthält zudem eine Einleitung zum Gesamtprojekt und seiner Thematik sowie eine detaillierte Übersicht über die für die Bände 2 und 3 vorgesehenen Texte.

 

CMAwRo(nline)

Die digitale, web-basierte Edition kann die Publikation von Editionen keilschriftlicher Texte in Buchform auf absehbare Zeit nicht ersetzen, zumal wenn es sich in größerem Umfang um Erstpublikationen handelt. Sie bietet jedoch Möglichkeiten, die von entscheidender Bedeutung für die Verbreitung, Vernetz-, Verwend- und Verfügbarkeit der Texte sind.

Die Projektkomponente CMAwRo (Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals online) ist als Corpus-Projekt im Rahmen des von S. Tinney, E. Robson und N. Veldhuis geleiteten internationalen Super-Corpus Open Richly-annotated Cuneiform Corpus (Oracc, http://oracc.museum.upenn.edu/) für die Erstellung frei zugänglicher online-Editionen von Keilschrifttexten konzipiert; Oracc kooperiert mit Tafelkatalog und Bilddatenbank der Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI, http://cdli.ucla.edu/). Das Ziel von Oracc ist die Entwicklung eines frei zugänglichen, auf internationalen Standards basierenden und mit umfassenden Metadaten annotierten elektronischen Corpus von Keilschrifttexten; wie auch HPM folgt Oracc dem ISO OpenDocument Standard, der eine einfache Konvertierung der Daten in andere Dateiformate erlaubt und so die Koordination von web- und print-Publikation erleichtert. Die von Oracc entwickelten Ressourcen sind vollständig dokumentiert; Oracc stellt Server-Kapazität, Datensicherung, Softwarekomponenten, virtuelle Arbeitsplätze und die Betreuung durch ein Mitglied des Oracc Steering Committees frei zur Verfügung. Derzeit betreut Oracc mehr als zwanzig in den USA, Europa und im Nahen Osten basierte Editionsprojekte. E. Robson wird CMAwRo als Oracc-Projekt betreuen.

CMAwRo wird neben dem in CMAwR edierten Textbestand auch Maqlû als das umfänglichste Abwehrzauber-Ritual (derzeit 135 Textzeugen [164 bei Einzelzählung indirekter joins]; dazu 13 weitere, eng verwandte Texte) berücksichtigen. Im einzelnen wird CMAwRo folgende Elemente und Funktionen enthalten:

  1. Die Texte werden zugleich in synoptischer Transliteration aller Textzeugen, in gebundener Umschrift (eklektischer Text) und in Übersetzung einsehbar sein; die Darstellung wird dem im Rahmen des Oracc-Projektes Digital Corpus of Cuneiform Lexical Texts verwirklichten Modell in modifizierter Weise folgen.
  2. Die einzelnen Textzeugen können in separater Transliteration eingesehen werden.
  3. Wörter und Eigennamen sind lemmatisiert und direkt mit Glossaren verknüpft.
  4. Die Glossare bieten neben einer Titelei mit Grundform und Bedeutungen die Belege nach Schreibweisen geordnet; Belege können isoliert und in ihrem unmittelbaren syntaktischen Kontext eingesehen werden. Die Texte sind von jedem Einzelbeleg im Glossar aus direkt zugänglich.
  5. Die Übersetzungen können nach Stichworten durchsucht werden.
  6. Die Editionen der Einzeltexte und die einzelnen Textzeugen sind mit den jeweiligen Einträgen in CCMAwR verknüpft.
  7. Über CCMAwR wird die komplexe Überlieferungssituation, insbesondere die Überlieferung derselben Texteinheit in verschiedenen handschriftlichen (und damit ‘literarischen’) Kontexten erschlossen und leicht recherchierbar.
  8. Zu allen Textzeugen werden, soweit frei verfügbar, Autographien und nach Möglichkeit auch Fotos zur Verfügung gestellt; Fotos werden zunehmend auch durch links zu anderen online-Corpora verfügbar werden (v.a. Ashurbanipal Library Project des British Museum innerhalb der BM Collection Database, siehe http://www. britishmuseum.org/research/search_the_collection_database.aspx).
  9. Die Konventionen und Präsentation der Texte orientiert sich an CMAwR 1 und den Richtlinien für Oracc-Projekte; für in CMAwR 1 nicht enthaltene Texte werden in der Zeilenaufteilung der Hauptzeilenzählung konsequent, auch in nicht-poetischen Passagen, syntaktische Kriterien zugrundegelegt. Der philologische Kommentar bleibt der Druckversion von CMAwR vorbehalten.

Ausgewählte Publikationen

T. Abusch – D. Schwemer. Das Ritual Maqlû („Verbrennung“), in: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. NF 4, ed. B. Janowski – G. Wilhelm, Gütersloh 2008, 128–86

T. Abusch – D. Schwemer. The Chicago Maqlû Fragment (A 7876), Iraq 71 (2009) 53–87

T. Abusch – D. Schwemer. Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals, vol. 1 (AMD 8/1), Leiden – Boston 2011

D. Schwemer. Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts II: Rituale und Beschwörungen gegen Schadenzauber (WVDOG 117), Wiesbaden 2007

D. Schwemer. Abwehrzauber und Behexung. Studien zum Schadenzauberglauben im alten Mesopotamien (Unter Benutzung von Tzvi Abuschs Kritischem Katalog und Sammlungen im Rahmen des Kooperationsprojektes Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals), Wiesbaden 2007

D. Schwemer. Witchcraft and War: The Ritual Fragment Ki 1904-10-9, 18 (BM 98989), Iraq 69 (2007) 29–42.

D. Schwemer. Washing, Defiling and Burning: Two Bilingual Anti-witchcraft Incantations, OrNS 78 (2007) 44–68.

D. Schwemer. Entrusting the Witches to Ḫumuṭ-tabal: The ušburruda Ritual BM 47806+, Iraq 72 (2010) 63–78

D. Schwemer. Fighting Witchcraft before the Moon and Sun: a Therapeutic Ritual from Neo-Babylonian Sippar, OrNS 79 (2010) 480–504

D. Schwemer. Magic rituals: Conceptualisation and Performance, in: Oxford Handbook of Cuneiform Culture, ed. K. Radner – E. Robson, Oxford 2011, 418–42

D. Schwemer. Evil Witches, Apotropaic Plants and the New Moon: Two Anti-witchcraft Incantations from Babylon (BM 35672 and BM 36584), Welt des Orients 41 (2011), forthcoming.

Das Projekt Corpus of Mesopotamian Anti-witchcraft Rituals wurde in jüngerer Vergangenheit von AHRC, British Academy und DAAD unterstützt.