Edition der astrologischen Omina aus Assur

Schon seit frühester Zeit wurde in Mesopotamien der Sternenhimmel intensiv beobachtet. Die Gestirne galten den Sumerern, Babyloniern und Assyrer als astrale Aspekte ihrer Gottheiten und die Abläufe am Firmament wie die Bewegungen der Himmelskörper, Finsternisse aber auch Wetterphänomene wurden als ominöse Zeichen, als Botschaften der Götter angesehen. Und bald schon wurden solche ominösen Beobachtungen zusammen mit ihren wahrgenommenen Folgen schriftlich fixiert und Sammlungen von Omina erstellt. Erste Texte mit Zusammenstellungen von solchen astrologischen Omina stammen aus der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Später wurden die astrologischen Omina dann zu einer umfangreichen, ca. 70 Tafeln umfassenden Serie mit dem Titel Enūma Anu Enlil „Als (die Götter) Anu und Enlil“ zusammengestellt. In dieser Serie wurden die Omina systematisch geordnet, nach solchen, die den Mond, die Sonne, Wetterphänomene und Planeten sowie Fixsterne betreffen; die Mond- und Sonnenomina wiederum wurden danach geordnet, ob sie die Finsternisse dieser Gestirne betreffen oder nicht. Die anhand der Bewegungen der Himmelskörper gewonnenen ominösen Voraussagen bezogen sich fast ausschließlich auf das Schicksal des Gemeinwesens und insbesondere auf dessen Anführer, den König. Aus diesem Grund hatten die Herrscher ein unmittelbares Interesse an der systematischen Beobachtung des Himmels und der Wahrnehmung von Vorzeichen, die zum Teil äußerst umfangreiche Ritualmaßnahmen nötig machten.

Auch in der assyrischen Hauptstadt Assur interessierte man sich spätestens seit der mittelassyrischen Zeit für die aus dem südlichen Babylonien stammende Divinationstechnik der Astrologie. Die Assyrer eigneten sich das babylonische Wissen an und tradierten es weiter. In Assur fanden sich zahlreiche Abschriften von Texten mit astrologischen Omina, darunter auch solche, die in den Kolophonen als Tafeln der Serie Enūma Anu Enlil ausgewiesen werden. Zudem gibt es einige Kommentartexte zu astrologischen Omina. Im Gegensatz zu den in Assur gefunden Texten zu anderen Divinationstechniken wie etwa den Opferschau-Omina, sind Manuskripte von astrologischen Omina in babylonischer Schrift jedoch sehr selten; nur ein kleines Fragment konnte bislang identifiziert werden. Es darf daher angenommen werden, dass die astrologischen Omina aus Assur eine assyrische Tradition der Weitergabe von astrologischen Omina repräsentieren.

Obwohl bereits kurz nach Beendigung der Ausgrabungen in Assur (1903-1914) intensiv an der Edition der zahlreichen dort gefundenen literarischen Keilschrifttexte gearbeitet wurde, sind die astrologischen Omina bislang weitgehend unpubliziert. In den Keilschriftautographie-Publikationen von Erich Ebeling Keilschrifttexte literarischen Inhalts I und II (1915-23) und Literarische Keilschrifttexte aus Assur (1953) wurden keine astrologischen Texte publiziert. Erst Ernst Weidner nutzte seinen Zugang zu Fotografien der Assur-Texte im Vorderasiatischen Museum, Berlin bei seiner Rekonstruktion der Serie Enūma Anu Enlil (erschienen in Fortsetzung in der Zeitschrift Archiv für Orientforschung). Auf Weidners Identifizierungen stützt sich bis heute die Einarbeitung der astronomischen Omina aus Assur bei Editionen von Abschnitten der Serie Enūma Anu Enlil, wobei sie hier zumeist nur in Umschrift dargeboten wurden, nur selten mit Fotos belegt und praktisch nie mit Keilschriftautographien.

Das Ziel des von Nils P. Heeßel durchgeführten Projekts ist die Edition der astrologischen Omina aus Assur mit Keilschriftautographie, Transliteration, Übersetzung und philologischem Kommentar. Derzeit sind ca. 75 Tontafeln und Tontafelfragmente als zugehörig identifiziert worden. Das Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Edition der literarischen Keilschrifttexte aus Assur“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. St. M. Maul. Die Bearbeitung der astrologischen Omina wird in der von Prof. Maul herausgegebenen Reihe Keilschrifttexte literarischen Inhalts aus Assur (KAL) als dritter Band der Divinatorischen Texte erscheinen. Die Reihe KAL erscheint im Rahmen der Wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft.