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    Lehrstuhl für Altorientalistik

    Divination (A. De Vos)

    Ob es darum ging, einen Priester oder eine Priesterin einzusetzen, militärische Vorhaben zu planen und durchzuführen, das Wohlbefinden einzelner Personen zu sichern oder die Gründe für Krankheiten zu erforschen – bei solchen und anderen Anliegen waren die Menschen des Alten Orients bestrebt, den Willen der Götter zu erfahren. Für die Kommunikation mit den Göttern benutzte man verschiedene Orakeltechniken. Die altorientalischen Quellen, die über diese Orakeltechniken, ihre Praxis, ihre „theoretischen“ Aspekte sowie ihren „Sitz im Leben“ informieren, werden hier unter dem Stichwort Divination (Wahrsagerei) vorgestellt.

    Lebermodell (2.Hälfte 16. oder 1.Hälfte 15.Jh.v.Chr.)

    Orakelpraxis: Anfragen und Protokolle

    „Šamaš, großer Herr, antworte mir mit einem wahren JA auf das, was ich Dich frage!“ (Anfangszeile neuassyrischer Opferschau-Anfragen)

    Detaillierte Angaben über das systematische Vorgehen bei Orakelanfragen lassen sich den hethitischen Orakelprotokollen entnehmen. Bei einer Orakeldurchführung wurde den Göttern eine Frage vorgelegt, und es wurde spezifiziert, ob ein günstiger oder ein ungünstiger Orakelbefund gefordert wurde. Entsprach der günstige oder ungünstige Charakter des tatsächlich erhaltenen Orakelbefundes dem geforderten Befund, so galt die Frage als bestätigt, andernfalls als negiert. Als Orakelmethode verwendeten die Hethiter die Opferschau (eine Form von Divination, bei der aufgrund der Inspektion der Eingeweide von Opfertieren der Wille der Götter erforscht wird), die Analyse des Vogelfluges, eine Orakelmethode anhand eines ḪURRI-Vogels (vielleicht eine Art Eingeweideschau) und eine als KIN bezeichnete Orakelart, bei welcher die Konstellation von beweglichen Symbolobjekten gedeutet wird. Die Orakelprotokolle zeigen, dass unterschiedliche Orakelmethoden als Gegenkontrolle verwendet wurden und dass man durch Aneinanderreihung von immer detaillierter gestellten Fragen zu immer präziseren Informationen gelangen konnte.

    Verschiedene Opferschaugebete, Opferschau-Anfragen und Ritualanweisungen für den Opferschauer aus dem mesopotamisch-obermesopotamischen Raum dokumentieren nicht nur, dass die Systematik „Frage – geforderter Befund – tatsächlicher Befund – Ergebnis (Ja/Nein)“ wenigstens seit dem Anfang des zweiten Jahrtausends v.Chr. auch dort der Opferschau zugrunde lag, sondern beleuchten außerdem den rituellen Rahmen: Es wurde ein Tier geopfert, in dessen Ohr der Opferschauer die Frage flüsterte. Daraufhin schrieben die Götter der Divination, Šamaš und/oder Adad, ihren Bescheid in das Tier bzw. in dessen Eingeweide hinein. Opferschauberichte halten die Befunde solcher Opferschaudurchführungen fest; nur gelegentlich ist auch eine Angabe „günstig“ oder „ungünstig“ hinzugefügt worden. Wie solche Befunde ausgesehen haben können, zeigen Nachbildungen von Lungen, Milz, Darmwindungen und vor allem der Leber. Zahlreiche dieser Modelle zeigen jedoch nicht nur Befunde, sondern tragen auch Beschriftungen. Solche Beschriftungen können den dargestellten Opferschaubefund insgesamt deuten, aber auch einzelne Merkmale in der Form von Omenapodosen oder ganzen Omina beschreiben und interpretieren, womit sie die „theoretische“ Verarbeitung der Opferschau illustrieren.

    Informationen über die Divination aus nicht-divinatorischen Texten

    Nicht nur in Texten, die sich unmittelbar auf die Divination beziehen, sondern auch in zahlreichen weiteren Texten und Textgruppen – beispielsweise in Briefen, lexikalischen Listen, Hymnen, Gebeten, Königsinschriften, Urkunden, Jahresnamen – finden sich wertvolle Informationen über verschiedene Aspekte der divinatorischen Verfahren und über die hierbei beteiligten Personen. Bereits in Texten aus dem dritten Jahrtausend v.Chr. werden divinatorische Spezialisten genannt, und es wird auf Traumdeutung und Opferschau verwiesen. Dass Asqudum nicht nur ein sehr einflussreicher Opferschauer am Hofe Zimrilims in Mari, sondern auch als Heerführer aktiv war, zeigen Briefe aus dem 18. Jh. v.Chr. In Urkunden aus Tuttul sind Reisekosten für einen Opferschauer verbucht. Aus einer Verwaltungsliste geht hervor, dass im Palast von Mari monatlich mehrere hundert Schafe für die Opferschau verwendet wurden. Eine allmähliche „Verwissenschaftlichung“ von Divination und Opferschau lässt sich etwa an den lexikalischen Listen ablesen: Während Opferschauer in frühdynastischen lexikalischen Listen gemeinsam mit nicht-divinatorischen Berufen erwähnt werden, erscheinen sie in altbabylonischer Zeit neben Traumdeutern. Ab der zweiten Hälfte des zweiten Jts. v.Chr. werden Opferschauer in den lexikalischen Listen zusammen mit anderen gelehrten Berufen erwähnt. Während Opferschau vor allem in der Lebenswelt der Herrschenden und Reichen gut dokumentiert ist, kann laut einer Beschwörung eine Witwe als Opfermaterie auch Mehl, eine arme Frau auch Öl darbringen.

    Ausgewählte Literatur

    Maul, S.M. (2003-2005) Omina und Orakel. A. Mesopotamien, Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie 10, 45-88.

    van den Hout, Th. (2003-2005) Omina (Omens). B. Bei den Hethitern, Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie 10, 88-90.

    van den Hout, Th. (2003-2005) Orakel (Oracle). B. Bei den Hethitern, Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie 10, 118-124.

    Pientka-Hinz, R. (2008) Omina und Prophetien, in: B. Janowski und G. Wilhelm (Hrsg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Neue Folge Band 4, 16-60.

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