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    Lehrstuhl für Altorientalistik

    Historiographie (E. Devecchi)

    Altorientalische Kulturen hatten weder ein Wort für „Geschichte“ noch für „Historiker“, die etwa mit einem Herodot oder Thukydides vergleichbar wären. Dennoch hatten sie zahlreiche und unterschiedliche Textgattungen, die der Erzählung der Vergangenheit gewidmet waren und von modernen Forschern als „historiographische Kompositionen“ eingeordnet werden. Sie sind von der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends bis zum Ende der Keilschriftkulturen im späten ersten Jahrtausend v. Chr. auf verschiedenen Textträger überliefert, wie z. B. Tontafeln, Zylindern, Prismen, Ziegeln, Steinplatten, Stelen, Statuen und Felsreliefs.

    Idrimi-Statue: http://www.britishmuseum.org/explore/highlights/highlight_image.aspx?image=ps256054.jpg&retpage=18972

    Sanheribs “First Campaign Cylinder”:
    http://www.bmimages.com/results.asp?image=00109681001

    Wovon die Rede ist

    Der Fokus der meisten altorientalischen historiographischen Texte ist auf den König gerichtet. Gegen Ende des 3. Jahrtausends legen die Königsinschriften der akkadischen Könige das Modell des „heroischen“ Königtums vor. Später wird es vor allem von den Königen Obermesopotamiens und Assyriens übernommen, die verstärkt die militärischen Taten hervorheben. Auch von den Bautätigkeiten der Herrscher wird dort berichtet, allerdings nicht so zahlreich wie in den babylonischen historiographischen Kompositionen, die sich hauptsächlich auf die kultischen und zivilen Leistungen der Könige konzentrieren. In hethitischen historiographischen Texten sind Bautätigkeiten wiederum fast ganz abwesend. Hethitische Texte setzen den Schwerpunkt vielmehr auf die militärische und politische Geschichte und die königliche Erfüllung religiöser Pflichten.

    Gattungen historiographischer Texte

    Man kann zwei Gruppen von historiographischen Kompositionen unterscheiden, die zwei unterschiedliche Ansätze zur Geschichtsschreibung aufzeigen: Zum einen "kompilatorische Werke", wie Listen von Königen, Jahresnamen, Eponymen, historischen Vorhersagen oder astronomischen Beobachtungen. Diese Texte stellen den Versuch dar, der Vergangenheit eine chronologische Ordnung zu geben. Ein berühmtes Beispiel ist die Sumerische Königsliste, wo die Herrscher nach Dynastien und mit Angabe der entsprechenden Anzahl von Regierungsjahren nacheinander aufgelistet sind, ohne aber auf Synchronismen zwischen Königen und Dynastien hinzuweisen. Dies ist hingegen das Einteilungsprinzip der sogenannten Synchronistischen Königsliste, die assyrische Könige aus dem frühen 2. Jahrtausend bis Assurbanipal (669-331/627 v.Chr.) und ihre jeweiligen babylonischen Zeitgenossen nebeneinanderstellt. Die zweite Gruppe umfasst verschiedene historiographische Texte, die in erster Linie von den Taten der Könige berichten. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel die "Annalen", wo Ereignisse in autobiographischem Stil erzählt und nach Regierungsjahren angeordnet sind. Dieses Textgenre war vor allem bei den Hethitern ab dem 17. Jh. und bei den Assyrern ab dem 13. Jh. sehr beliebt.

    In Babylonien bevorzugte man hingegen die sogenannten "Chroniken". Diese sind in der dritten Person verfasst und meist sehr knapp gehalten. Die jüngsten Chroniken datieren in die persische und seleukidische Zeit. Berichte über die Vergangenheit findet man auch in historischen Epen, wo die königlichen Taten einen mythischen und legendären Charakter annehmen, so etwa in König der Schlacht über den sagenhaften Feldzug Sargons nach Anatolien, oder im mittelassyrischen Tukulti-Ninurta-Epos über den Sieg des assyrischen Königs über Babylonien.

    Wahrheit oder Propaganda?

    Bei der Lektüre historiographischer Texte muss man berücksichtigen, dass sie keine vollständige und objektive „Geschichte“ nach modernen Maßstäben, sondern eher parteiische und tendenziöse Beschreibungen der Ereignisse liefern. Ihre Autoren waren gelehrte Schreiber, die am Königshof arbeiteten, Fakten auswählten und manipulierten, um den regierenden König zu preisen und seinen Ruhm nach dem Tod zu festigen. Auch politische und religiöse Rechtfertigungen spielten eine Rolle, sodass in den Berichten häufig eine „legalistische“ Haltung eingenommen wurde. Sicher wird aber auch das generelle Interesse an der Vergangenheit dazu geführt haben, historische Ereignisse zu dokumentieren. Schließlich hatten sie auch einen „didaktischen“ Wert: Durch historiographische Kompositionen konnten künftige Könige lernen, wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten sollten. Über Analogien in der Vergangenheit konnte die Gegenwart erklärt und die Zukunft vorhergesagt und besser geplant werden.

     

    Ausgewählte Literatur

    Güterbock, H. G. (1983) “Hittite historiography: a survey.” In: H. Tadmor and M. Weinfeld (Hg.), History, historiography, and interpretation. Studies in biblical and cuneiform literatures, Jerusalem, 21–35.

    Hoffner, H. A. (1980) “Histories and historians of the ancient Near East: the Hittites.” Orientalia n.s. 49: 283–332.

    Liverani, M. (1995) “The deeds of ancient Mesopotamian kings.” In: J. M. Sasson (Hg.), Civilizations of the Ancient Near East, vol. 4, New York, 2352–66.

    Van Seters, J. (1995) “The historiography of the ancient Near East.” In: J. M. Sasson (Hg.), Civilizations of the Ancient Near East, vol. 4, New York, 2433–44.

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