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    Lehrstuhl für Altorientalistik

    Exkursionsberichte

    Exkursion nach Zentral- und Ostanatolien (7.–16. Juni 2019)

    Auf den Spuren der Hethiter, Urartäer, Assyrer & Seldschuken

    Samstag, 08.06.2019

    Die erste Station der Exkursion führte nach einer langen Anreise und einer kurzen Nacht zu den Ruinen der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša, am modernen Dorf Boğazköy (heute Boğazkale, Provinz Çorum) gelegen. Dieser Fundort, deren Ausgrabungen vom Deutschen Archäologischen Institut geleitet werden, stellt eine der größten und wichtigsten archäologischen Stätten Vorderasiens dar. Die Hethiter konnten das Potenzial der zentralanatolischen Landschaft meisterhaft ausnutzen, indem sie die bereits bestehende Siedlung im Laufe der Zeit erheblich ausbauten und zur Hauptstadt ihres Reiches erhoben, das vom späten 17. bis ins frühe 12. Jahrhundert v. Chr. existierte.

    Innerhalb des Geländes erreichten wir die erste Etappe unseres Weges, den sogenannten „Großen Tempel“ in der Unterstadt, wo laut neuesten Forschungen mehrere Gottheiten verschiedener Herkunft verehrt wurden: Dieser Tempel sollte damit die Vielfalt und Heterogenität des Pantheons der Hethiter, des Volkes der „1000 Götter“, repräsentieren. Zu demselben Komplex gehören auch Magazine, die zur Lagerung von Vorratsgefäßen für den Unterhalt des Tempels dienten. Der Tempelkomplex selbst ist insbesondere als Fundort zahlreicher Keilschrifttafeln bekannt.

    Weiter führte uns der Weg in die Oberstadt und damit zu den drei monumentalen Eingangstoren, die als „Löwentor“, „Sphinxtor“ und „Königstor“ bezeichnet werden. Ein bemerkenswertes Bauwerk in der Oberstadt bildet außerdem die pyramidenförmige Bastion (Yerkapı), durch die eine Poterne führt und die außerhalb mit einer seitlichen Treppe versehen ist. In einer solchen Monumentalarchitektur, die wahrscheinlich auch eine kultische Funktion bediente, kommt die Selbstdarstellung der hethitischen Macht spektakulär zur Geltung.

    Die ebenfalls in der Oberstadt gelegenen Teiche, deren Wasser sowohl für Nutztiere als auch für das bebaute Land gebraucht wurden, lassen das hohe Niveau erahnen, das die Hethiter in der Technik der Wasserversorgung erreichten.

    Ein weiteres Highlight war die „Kammer 2“ auf der „Südburg“. Dort hatte sich neben der Sonnengottheit auch der König Šuppiluliuma II. selbst, der letzte bezeugte hethitische König, in göttlicher Kleidung darstellen und dazu in einer Inschrift in anatolischen Hieroglyphen seine Taten für die Ewigkeit einmeißeln lassen. Ob diese Kammer die Funktion eines königlichen Grabes hatte, ist umstritten.

    Die Besichtigung des vor wenigen Jahren rekonstruierten Teils der Stadtmauer, das im Rahmen eines experimentell-archäologischen Projekts errichtet wurde und beeindruckend vor den modernen Besucher*innen aufragt, beendete den Tag.

    Sonntag, 09.06.2019

    Nachdem ein Tag für die Besichtigung von Ḫattuša nicht ausgereicht hatte – die Stadt hat eine Fläche von 1.000 – 1.500 m2 – wurde am zweiten Tag der Exkursion der Fokus auf die Büyükkale gelegt. Diese gliedert sich in mehrere Höfe, einen Thronsaal, der auch einen Keller besitzt, und mehrere private Gebäude.

    Bereits Peter Neve hat einen Teil des Palastes rekonstruiert, weshalb man noch heute seine Pracht erahnen kann. Durch die günstige Lage des Gebäudekomplexes ist es nicht verwunderlich, dass man eine großflächige Nutzung bis in die Eisenzeit feststellen konnte. Noch heute werden an diesem Platz wichtige Fundstücke geborgen.

    Die nächste Station an diesem anspruchsvollen Tag war das Museum von Boğazköy. Der Schwerpunkt liegt hier, wie nicht anders zu erwarten, auf den Hethitern, jedoch behandelt es auch die Zeit davor und danach, also vom Chalkolithikum bis zu den Römern. Besondere Exponate sind hierbei das Sphingentor, verschiedene Vasen sowie das Prachtservice eines hohen hethitischen Beamten und das Vexiergefäß.

    Yazılıkaya war uns ebenfalls einen Besuch wert. In diesem hethitischen Heiligtum kann man den Felsreliefs besonders nahe sein. Die Götter sind hier in zwei Prozessionen nach ihrem Geschlecht aufgeteilt, wobei die Göttin Ištar auf der maskulinen Seite zu finden ist. Besonders ist dabei auch, dass sich das gesamte Bauwerk mit seinen natürlichen Nischen nie unter der Erde befand.

    Einen spontanen Abstecher war Sarıkaya wert, eine Stadt, die einen noch sehr wenig beachteten Schatz besitzt. In diesem Ort befindet sich nämlich ein römisches natürliches Thermalbad, das erst seit kurzem ausgegraben ist.

    Der letzte Stopp des Tages war das Museum von Sivas, dass sehr viele Fundstücke aus Šarišša-Kuşaklı und Šamuḫa-Kayalıpınar beherbergt. Hierbei konnte man manch eine Keilschrifttafel begutachten, die auch im Gang der Altorientalistik in Würzburg zu finden ist. Auch die  Brauerei aus Šarišša verblüffte dabei die Teilnehmer*innen der Exkursion.

    Nach einem kurzen Abstecher zu den Medressen von Sivas, ging es in den wohlverdienten Feierabend mit gemütlichem Ausklang.

    Montag, 10.06.2019

    Nach einem reichhaltigen Frühstück im Buruciye Otel in Sivas und besten Geburtstagswünschen von allen an Valentina Fuenzalida brachen wir in Richtung des kleinen Ortes Kuşaklı auf, in dessen Nähe sich die Überreste der hethitischen Stadt Šarišša befinden.

    Nach einem kurzen Stopp, um den Reifendruck zu prüfen und einem weiteren Halt in der Ebene vor Kuşaklı, um von der Ferne einen Blick auf den Tell zu werfen, erreichten wir bald unser Ziel und wurden von den Professoren über die Überreste der im 16. Jh. v. Chr. von den Hethitern gegründeten Stadt geführt. Sie war nicht nur als Kultzentrum des Wettergottes bedeutend, sondern auch als Zentrum für Vogelflug-Orakel bekannt.

    Während der Weiterfahrt nach Divriği legten wir einen Zwischenhalt im abgelegenen Dorf Akçakale ein, das von einem Hügel mit Felsinschrift aus achämenidischer Zeit überragt wird. Nach dem Ersteigen des Hügels und der Verlesung und Übersetzung der griechischen Inschrift durch Annemarie Frank, setzten wir die Fahrt nach Divriği fort, dieses Mal jedoch von einer Reifenpanne unterbrochen - passenderweise unterhalb des Delidağ, des „verrückten Berges“.

    Nach mühsamem Reifenwechsel stellte sich heraus, dass auch der Ersatzreifen beschädigt war. Mit Mühe und Not erreichten wir dann aber doch noch die Autowerkstatt von Divriği. Während Professor Schachner sich um die Instandsetzung des Busses kümmerte, führte uns Professor Schwemer durch die Stadt zur Ulu Cami, einer Moschee mit Krankenhaus aus der Seldschukenzeit, die zwar leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war, jedoch auch von außen durch reich verzierte Fassaden bestach. Auf dem Rückweg zu den Bussen umrundeten wir zudem noch die Türbe, einen Grabturm, des Seldschukengouverneurs Şahinşah.

    Bei Arapgir, zwischen Divriği und Elazığ, ereignete sich dann eine weitere Reifenpanne, bei der einer der neu erworbenen Ersatzreifen sogleich Verwendung fand. Mit einer Pause auf einer Aussichtsplattform, die einen spektakulären Blick auf einen Staudamm des Euphrats bot, erreichten wir nach einem langen und ereignisreichen Tag schließlich das İlbey Otel in Elazığ, sowie ein ausgezeichnetes Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant in der Stadt.

    Dienstag, 11.06.2019

    An diesem Tag erreichten wir nach über zwei Stunden Fahrt den sogenannten „Tigristunnel“. In einer beeindruckenden Landschaft fließt der Tigris durch eine Reihe von Höhlen. Im Altertum galt dieser Tigristunnel als Quelle des Tigris, einer der Lebensadern Mesopotamiens. Die Tigrisquelle wurde als ein heiliger Ort betrachtet, wie nicht zuletzt die an den Felsen angebrachten Reliefs und Inschriften des 1. Jt. v. Chr.  zeigen.

    Seit 1880 ist die Existenz dieser historischen Zeugnisse bekannt und ca. 1898/99 machte Karl-Friedrich Lehmann die ersten Abklatsche von ihnen. Aus politischen Gründen konnte bis 2004 keine Forschung am Tunnel betrieben werden. Erst danach wurde ein Survey durchgeführt, den Andreas Schachner leitete.

    Am oberen Tigristunnel konnten wir zwei Inschriften besichtigen. Die erste und vermutlich ältere Inschrift hat der assyrische Herrscher Tiglatpileser I. in neuassyrischer Keilschrift im 11. Jh. v. Chr. verfassen lassen. Die zweite stammt  von Salmanassar III. aus dem 9. Jh. v. Chr. Beide berichten von ihren Feldzügen in das Land Ḫatti. Auch die untere Inschrift mit einem Relief Salmanassars III. konnten wir nach einem steilen Abstieg besichtigen.

    Nach dem Besuch am Tigristunnel kamen wir nach einer weiteren ca. vierstündigen Fahrt in der Stadt Bitlis an, wo wir die Burg besichtigen wollten. Leider war es bereits zu spät, um sie auch von innen betrachten zu können. Gegen 21 Uhr kamen wir schließlich im Hotel an.

    Mittwoch, 12.06.2019

    Der erste Stopp nach unserer Abfahrt in Bitlis war der Krater des Nemrut Dağı. Der letzte Ausbruch des Vulkans fand ca. 1440 n. Chr. statt. Er hinterließ eine halbmondförmigen Caldera mit einem See. Der Kratersee nimmt die Westseite ein und fasst ca.12,36 km2, während der Krater mit 48 km2 der größte in Europa und der Türkei ist.

    Gegen Mittag erreichten wir Eski Ahlat und das dazugehörige Museum. Da das Museum erst gegen 13 Uhr öffnete, besichtigten wir zunächst die weiträumigen Friedhöfe mit ihren Türben und Grabstelen von der seldschukischen bis in die osmanische Zeit (13.–16. Jh.). Dieser besondere Ort  gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Grabsteine bestehen aus vulkanischem Gestein. Ihre Verzierungen greifen Muster auf, die heute noch in Moscheen verwendet werden.

    Nach der Besichtigung des Friedhofs widmeten wir uns dem Museum. Es stellt die Geschichte von Ahlat und des Friedhof genauer dar. Hierzu zeigt es archäologische Funde aus der Region, die vom Neolithikum bis in die seldschukische und islamische Zeit datieren. Es widmet sich dabei vor allem der Geschichte des seldschukischen Reiches.

    Der letzte Programmpunkt war die Festung von Ayanis und das Referat von Frau Schulz. Ayanis ist eine urartäische Festung, gebaut von Rusa II. um 677–673 v.Chr. Der zugehörige Tempel war dem Gott Ḫaldi geweiht. Die Ausgrabungen in Ayanis finden mit einigen kurzen Unterbrechungen seit 1987 statt.

    Donnerstag, 13.06.2019

    Unsere erste Station am Donnerstag war die Hoşap Kalesi. Während der osmanischen Zeit im 5. Jh. n. Chr. baute ein kurdischer Führer, dessen Name Zeynel Bey war, hier eine Burg. Der Name der Burg ist auf Kurdisch Hoşap und auf Türkisch Güzelsu; beides bedeutet „schönes/süßes Wasser“. Der Bau ist an einer strategischen Position errichtet worden, an der die wichtigsten Verkehrsstraßen kontrollierbar waren. Die Blöcke aus Basalt im Eingang der Burg weisen urartäische Merkmale auf, was darauf hinweisen könnte, dass unter der Burg eine urartäische Festung liegt.

    Ein paar Kilometer weiter liegt Yedi Kilise (sieben Kirchen), ein armenisches Kloster. Dieses umfasste Priester- und Schülerwohnungen, sowie beträchtliche Wirtschaftsgebäude. Heute ist nur noch ein kleiner Teil dieses Komplexes erhalten, ein Dorf liegt an der Stelle des Klosters. Das Kloster war lange Zeit von großer Bedeutung. Es zählte zu den reichsten Klöstern in Vaspurakan und war Sitz des armenischen Erzbischofs von Van. Laut der Gründungslegende war das Kloster der Aufbewahrungsort der Reliquie des Kreuzes Christi. Es war außerdem mit bunten Malereien geschmückt, die auf eine armenische Werkstatt in Persien zurückgehen könnte. Heute sind die meisten der Darstellungen verloren gegangen. Die Kirche enthält eine Apsis mit Nebenräumen, die auf die Apsis der Sophienkirche zurückgeht.

    Mit dem Auto geht es weiter nach Çavuştepe, eine urartäische Festungsanlage, deren Hauptfunktionen sowohl militärisch als auch wirtschaftlich waren. Sie wurde durch Sarduri II. begründet. Der Stadtname bedeutet in urartäische Sprache „die von Sarduri erbaute Stadt“. Die Anlage ist in eine obere und eine untere Festung gegliedert. Zu beiden gehört ein Tempel. Die oberen Festung wurde dem Staatsgott Ḫaldi gewidmet, die untere der Gottheit Irmušini. An der Fassade der Tempelwände steht eine Inschrift des Königs Sarduri II.

    In der Stadt Van (urartäisch Tušpa) befindet sich der lange Burgfelsen „Van Kalesi“, auf dem sich zwei große Baukomplexe befinden. Die Stadt Tušpa stammt aus der Zeit des geeinten urartäischen Reichs, dessen Höhepunkt in der Regierungszeit Sarduris II. (ca.760–730 v. Chr.) lag. Ganz besonders beeindruckend ist die Argišti-Kammer (Horhor), deren geglättete Wände, die zum Eingang der Kammer führen, mit einer langen keilschriftlichen Inschrift, den Annalen Königs Argištis I., beschrieben sind. Diese Bauten kontrastieren stark mit der Nordseite des Van Kalesi, wo sich eine mittelalterliche und osmanische Festung befindet.

    Rusa II. (ca. 685-645) erbaute eine neue Hauptstadt östlich von Tušpa auf dem Toprakkale, der nach ihm benannt wurde („Rusaḫinili“). Auf Toprakkale ist noch heute eine militärische Anlage, so konnten wir die Burg nur von Ferne auf dem Weg zum urartäischen Naturheiligtum Meher Kapısı sehen.

    Der letzte Halt des Tages war Anzaf. Hier steht eine urartäische Festungsanlage, deren Hauptfunktion militärisch war. Vom Hügel aus konnte man die Straße, die in den heutigen Iran führt, optimal kontrollieren. Die Befestigungsanlage ist in zwei Festungen unterteilt, die von zwei Hügeln aus das Tal überragen. Der Palast enthält lange Magazine, die typisch für die mesopotamische Architektur sind. Außerdem besteht die Festung aus einer Residenz und dem Susi-Tempel. Menua, der Sohn von Išpuini, hat eine Inschrift an der Tempelfassade hinterlassen.

    Freitag, 14.06.2019

    Die Fahrt führte uns von der Stadt Van entlang des Südufers des tiefblauen Van-Sees, vorbei an dem kleinen Ort Gevas. Nach einer kurzen Überfahrt mit dem Schiff erreichen wir die kleine, karge Insel Akdamar. Im Hintergrund strahlt der schneebedeckte, über 4000 m hohe Süphan Dağı in der Sonne.

    Der Van-See ist seit dem Ausbruch des Vulkans Nemrut Dağı vor ca. 1,5 Mio. Jahren ein abflussloser Binnensee. Aufgrund der hohen Verdunstung und des mineralhaltigen Untergrunds, hat sich der See zu einem weitgehend leblosen Salzsee entwickelt. Er ist siebenmal größer als der Bodensee und bis zu 450 m tief. Im Altertum wurde er als „das Meer von Nairi“ oder Urartu bezeichnet.

    Während der Zeit des armenischen Großreiches Vaspurakan mit der damaligen Hauptstadt Gevas, wurde im 10. Jh. auf der Insel ein Königspalast, ein Kloster und zwischen 915 und 921 die Kirche zum Heiligen Kreuz erbaut. Die Hauptstadt wurde zwar kurze Zeit später verlegt, doch Kirche und Koster bestanden ohne Unterbrechung bis 1915 weiter. Während das Kloster und der Königspalast heutzutage zerstört sind, wird in der Kirche einmal im Jahr ein armenischer Gottesdienst gefeiert.

    Gebaut wurde die Kirche von einem Mönch namens Manuel unter Mitwirkung orientalischer Künstler. Es handelt sich um eine Kreuzkirche in Form einer Vier-Konchen Anlage mit Kuppel. Im Westen ist eine quadratische Vorhalle angeschlossen. Der südlich angebaute Glockenturm wurde im 18. Jh. ergänzt. Weltweit einmalig sind die vorwiegend alttestamentarischen Szenen auf der Außenseite. Erbaut aus Tuffstein, ziehen sich die Hochreliefverzierungen in drei Friesen rund um die Kirche.

    Das oberste Band besteht aus Weinranken mit Figuren, Tieren und Gesichtern, die teils mongolische Einschläge erkennen lassen. Das Motiv des Weinstocks war in der christlichen Lehre bereits aus altorientalischen Darstellungen bekannt. Im mittleren Fries werden Würdenträger der armenischen Kirche gezeigt. Im unteren Band sind  biblische Szenen dargestellt. Einige Motive stammen aus dem Alten Orient, wie z.B. der Mann im Knielauf. Für die Hochreliefs wurde auf Techniken aus der Sassanidenzeit zurückgegriffen. Die symbolhafte Bildsprache und die Darstellungsform bezeugen eine Tradition ausgehend von der Antike bis zur islamischen Kunst. Allerdings wurde in der islamischen Kunst keine Dreidimensionalität verwendet und keine Menschenbilder gezeigt. In diesem Bauwerk aber sind alle stilistischen Elemente der damaligen Zeit vereinigt.

    Wir konnten die Reliefs beispielsweise den Geschichten von Jona und dem Wal (mit allegorischen Hinweisen auf das Leben und Sterben Jesu), Elia und der Witwe von Sarepta, Davids Salbung durch Samuel, Davids Kampf gegen Goliath, Moses und der Empfang der Gesetze auf dem Sinai, Daniel in der Löwengrube, Daniel und drei junge Männer im Feuerofen mit Nebukadnezar und Isaaks Opferung durch Abraham zuordnen.

    Das krönende Motiv jedoch ist die thronende Maria mit dem Jesuskind. Bemerkenswert sind ferner die Stifterfigur mit einem Modell der Kirche an der Eingangsfassade, die vier Evangelisten in den Giebelspitzen und die Tierdarstellungen im Trauffries.

    Das Innere der Kirche ist mit Wandmalereien neutestamentlicher Themen und Szenen aus dem Leben Jesu geschmückt, die ebenfalls in das 10. Jahrhundert datieren. Die Bilderserie beginnt mit der Verkündigung Mariens und endet mit dem Pfingstwunder, der Aussendung des Heiligen Geistes. In der dem Eingang gegenüberliegenden Apsis befindet sich ein Madonnengemälde; an den Wänden neben dem Altar sind die zwölf Apostel und die vier Evangelisten abgebildet.

    Bis zu unserem Zielort hatten wir im Anschluss noch eine lange Strecke vor uns. Wir passierten die Stadt Muş und legten einen Stopp an der historischen Steinbogenbrücke aus dem 13. Jahrhundert ein, die über den Murat Su (östlicher Quellfluss des Euphrat) führt. Dort machten wir eine Çay-Pause am gegenüberliegenden Ufer. Unser Etappenziel Bingöl erreichten wir gegen 18 Uhr.

    Samstag, 15.06.2019

    Diese Tagestour führte uns von Bingöl nach Pınarbaşı. Da das Museum in Elazığ geschlossen war, stellte unsere erste Etappe Malatya Kazı (Arslantepe) dar.

    Arslantepe ist ein Siedlungshügel, der wenige Kilometer von der Stadt Malatya entfernt, an der äußersten Peripherie des mesopotamischen Kulturraumes, liegt. Das gute Klima, die Kontrolle über den Fluss sowie den Rohstoffhandel nach Ost- und Nordanatolien, machte die Siedlung durch die Jahrtausende zu einer einflussreichen und wohlhabenden Stadt. Durch ihren Standort und dem damit verbundenen regen kulturellen Austausch, ist diese Ausgrabung eine der wichtigsten in der Türkei und im gesamten Orient.

    Tatsächlich wurden hier durchgehend Siedlungsspuren bis ins 5. Jtd. v. Chr. nachgewiesen und noch immer sind die originalen Lehmziegelmauern inklusive Wandbemalungen der Monumentalgebäude aus dem 4. und 3. Jt. v. Chr. erhalten. Archäologische Objekte bieten darüber hinaus die Möglichkeit, die Kura-Araxes Kultur näher zu erforschen, wie uns Thomas Engel in seinem Referat darstellte. Besonders spannend ist auch die ununterbrochene Existenz von Palast und Tempelbauten, die eine dauerhafte feste soziale Hierarchie anzeigt.

    Nach einem kurzen Bedeutungsverlust erhält die Region um Arslantepe im 2. Jt. v. Chr. durch die Hethiter wieder eine größere Relevanz, den Hügel haben aber erst die Syro-Hethiter im 1. Jt. v. Chr. wieder verstärkt als Siedlungsfläche genutzt. Für die darauffolgenden Urartäer stellte der Ort den westlichsten Punkt ihres Reiches dar, bis er im 8. Jh. v. Chr. von dem assyrischen König Sargon II. erobert und zerstört wurde.

    Anknüpfend besuchten wir danach das Museum von Malatya, in dem uns Rekonstruktionen von Tür- und Gefäßsiegelungen, vor allem aber eine Fülle von Beispielen der Experimentalarchäologie in der Metallverarbeitung und Töpferkunst erwartete.

    Kurz vor der Dämmerung machten wir uns zum Abschluss auf eine abenteuerliche Suche nach den Felsreliefs in Gürün und fanden sie pünktlich vor dem Einsetzen eines heftigen Gewitters. In hieroglyphenluwischer Schrift stellt der späthethitische König Runtija sich hier in der Tradition und Nachfolge der hethitischen Könige von Karkamiš dar, was ein wichtiges Puzzleteil für die Verbindung dieser beiden Epochen markiert.

    Im Öğretmen Evi in Pınarbaşı finden wir eine bescheidene Unterkunft für die letzte Nacht.

    Sonntag, 16.06.2019

    Die letzte Etappe führte von Pınarbaşı nach Ankara.

    In der Ebene von Kayseri liegt der Fundort Kültepe/Kaniš, am Eingangstor zum anatolischen Plateau. Die Oberstadt weist eine Besiedlung von der Frühen Bronzezeit mit städtischen Strukturen auf. Das karūm in der Unterstadt bildete seit der mittleren Bronzezeit das Zentrum des lebhaften altassyrischen Handels in Anatolien. Mehrere zehntausende Tontafeln wurden in den Archiven der Kaufleute gefunden, die aufgrund des zweimaligen Brandes der Siedlung zum großen Teil bemerkenswert gut erhalten sind. Erster Ausgräber 1923 war Friedrich Hrozny, der Entzifferer der hethitischen Keilschrift. Weitere Grabungen folgten ab 1948, sie dauern bis heute an.

    Büklükale, eine wichtige Siedlung an einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt, war die nächste Station. Auf einem Hügel befand sich die Stadtanlage, umwehrt von monumentalen Mauern, durchgehend besiedelt von der altassyrischen bis in die hethitische Großreichszeit. Innerhalb der Burg wurden hochqualitative Objekte aus Glas, ein hethitischer Keilschrifttext und Siegel gefunden. Seit 2009 werden vom japanischen Institut für anatolische Archäologie Grabungen durchgeführt.

    Den gesamten Nachmittag verbrachten wir im Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara.

    Nach einem kurzen Abriss zur Baugeschichte der Anlage, besichtigten wir aus der frühen Menschheitsgeschichte die Installation zu Göbekli Tepe (Epipaläolithikum) sowie die bedeutsamen Wandmalereien von Çatalhöyük aus der Jungsteinzeit.

    Die Funde aus den Fürstengräbern von Alacahöyük in hattischer Tradition beeindruckten durch einen enorm hohen Stand der Kunstfertigkeit und Materialbearbeitung. Aus der Zeit des hethitischen Großreiches fielen die monumentalen Orthostatenreliefs und Skulpturen ins Auge, aber auch gut erhaltene Keilschrifttafeln, wie beispielsweise die sogenannten „Hüllentafeln“ oder, ganz besonders, der Staatsvertrag auf der Bronzetafel aus Ḫattuša. Diese Tafel war 1986 innerhalb der Stadtmauer gefunden worden und ist das einzige in Anatolien gefundene Keilschriftzeugnis in Bronze. Die İnandık Vase (datiert um 1600 v. Chr.), eine große hethitische Vase aus Terrakotta, zeigt auf vier Reliefbändern Ausschnitte aus dem hethitischen gesellschaftlichen und religiösen Leben, vor allem Musiker an der großen Leier und an Trommeln, Akrobaten und Tänzer.

    Eindrucksvolle Elfenbeinschnitzereien aus dem Reich der Urartäer, z.B. Löwen, Hirsche, Greife, ebenso wie Gegenstände aus Bronze, fanden weiter unser Interesse. Die Zeit der Phryger und Lydier war repräsentiert durch meisterhaft gearbeitete Holzgegenstände, Schalen und stilvolle Schmuckstücke, außerdem durch Gürtel, Schilde, Helme, sowie Stempel- und Rollsiegel.

    Am frühen Abend stand die Fahrt zum Flughafen von Ankara an und damit das Ende der Exkursion.

    Text: Fabio Bastici, Thomas Engel, Bianca Springer, Selina Schulz, Marina Weiß, Maria Kauczok, Helmut Grimm, Valentina Fuenzalida, Marie Klein
    Bilder: Annemarie Frank
    Leitung der Exkursion: Andreas Schachner mit Daniel Schwemer